Tipp: Literatur Reise Nord-Elsass: auf den Spuren des jungen Goethe
Sowohl als Tagesfahrt mit dem Auto oder Fahrradtour als auch Stadtspaziergang durch das nördliche Straßburg
Als der junge Goethe von seinem Studienort Straßburg klopfenden Herzens Richtung Sesenheim ritt, dürfte er nur wenig Gedanken auf literarische Stätten verschwendet haben, die es am Wegesrand zu besuchen gegeben hätte. Wer dafür jedoch Zeit und Muße hat, den mögen die folgenden Seiten einladen, das Elsass einmal anders zu erkunden. Die beschriebene Rundreise kann am Stück gemacht werden. Aber natürlich kann sie auch auf mehrere Etappen und verschiedene Verkehrsmittel verteilt werden. So können die folgenden Seiten anregen zu einem Stadtspaziergang durch das nördliche Straßburg, zu einer Fahrradtour durch die angrenzenden Vororte und Dörfer oder zu einer Tagesfahrt mit dem Auto durchs Nordelsass. Beginn der Elsass Reise
Wir beginnen unsere Tour am „place Brant“, benannt nach dem berühmten Renaissance-Dichter und langjährigen Stadtschreiber von Straßburg. 1494 veröffentlichte er einen echten „Bestseller“, den er wohl auch hier verfasst hat: das Narrenschiff. Geiler von Kaisersberg bediente sich der moralischen Erzählungen als Vorlage für seine Predigten im Straßburger Münster. Die neue Technik des Buchdrucks ermöglichte darüber hinaus eine weiträumige Verbreitung. Berühmte Maler ihrer Zeit steuerten Illustrationen bei, so Hieronymus Bosch und Alfred Dürer, der übrigens einige seiner Gesellenjahre in Straßburg verbracht hat. In Erinnerung an den großen Straßburger gründete der aus Nazi-Deutschland emigrierte Verleger Willi Münzenberg 1938 in Straßburg den kleinen „Sebastian-Brant-Verlag“, der deutsche wie französische Bücher veröffentlichte, die sich gegen die nationalsozialistische Diktatur wandten und in der „Imprimerie Française“ am „place du Corbeau“ gedruckt wurden.
Vom „place Brant“ zweigt in nördlicher Richtung die „allée de la Robertsau“ ab, die später „allée de l´Europe“ heißt. Sie ist ein eleganter Boulevard, auf dem sich noble Gründerzeit-Villen aneinanderreihen. Heute sind dort die Konsulate und Ständigen Vertretungen der Länder untergebracht, die Mitglied des Europarates sind. Sitz dieser wenig bekannten europäischen Organisation, zu der auch die meisten osteuropäischen Länder und die Türkei gehören, ist das „Palais de l´Europe“, ein unübersehbarer, ziemlich abweisender Bau aus den siebziger Jahren. Er liegt in eben dieser Straße auf der linken Seite, gleich gegenüber vom schönen „Parc de l´Orangerie“. Schon Georg Büchner ist hier mit seiner Straßburger Freundin Minna Jaeglé lustgewandelt. Auch René Schickele hat den Park in seinem Roman Blick auf die Vogesen augenzwinkernd „gewürdigt“. Besonders hatte es ihm der Parkteich angetan, auf dem sich „die üblichen zwei Schwäne entzsetzlich langweilten“.
In diese Idylle brach über die Pfingstfeiertage des Jahres 1935 unversehens die große Politik ein: Damals fand in dem Pavillon der Orangerie die Eröffnungsveranstaltung zur „Ersten Internationalen Arbeitermusik- und Gesangsolympiade Europas“ statt. Diese musikalisch-politische Veranstaltung sollte ein Bündnis aller linken Parteien gegen den immer mächtiger werdenden Faschismus einleiten, die sogenannte „Einheits“- oder „Volksfront“. Dem Ehren-Comité gehörten zahlreiche Schriftsteller an: die Franzosen Henri Barbusse, André Malraux und Romain Rolland sowie die Deutschen Berthold Brecht, Egon Erwin Kisch und Theodor Plivier. In Gegenwart von Hanns Eisler, dem Präsidenten der Jury, erklang in der Orangerie zum ersten Mal das von ihm komponierte „Einheitsfrontlied“.
Nach dem Abstecher in die mittlerweile wieder recht „bürgerlich“ gewordene Orangerie folgen wir der Straße weiter bis zum „Rhein-Marne-Kanal“. Er ist 1842 angelegt worden, um Straßburg mit dem französischen Binnenland zu verbinden. Von der Brücke hat man einen guten Blick auf die Gebäude der beiden anderen europäischen Organisationen, die ihren Sitz in Straßburg haben: den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, ein Glas-und-Stahl-Ungetüm der achtziger Jahre, und die riesige Rotunde des Europa-Parlaments aus den neunzigern. In unmittelbarer Nachbarschaft dazu soll demnächst ein weiterer „Euroklotz“ für ARTE entstehen, den deutsch-französischen Kulturkanal aus Straßburg. Leider fehlt der kalten Machtarchitektur jene Poesie, die die „Idee Europa“ einst für viele deutsche, französische und andere Schriftsteller hatte.
Jenseits der Brücke beginnt das Vorstadtviertel „Robertsau“, die ehemalige „Gartenstadt“ von Straßburg, die sich ihren dörflichen Charakter teilweise bis heute bewahrt hat. Für René Schickele war sie der schönste Vorort Straßburgs, in dem er selbst gerne gewohnt hätte. Seinem Kollegen Kasimir Edschmid ist dies auch gelungen. Gleich an den Ufern der Ill, wo früher Arbeiter die Kähne an Seilen entlang zogen, besaß seine Tante ein schönes Haus. Später hat Edschmid einen Teil der Handlung seines phantastischen Romans Die gespenstischen Abenteuer des Hofrats Brüstlein aus dem Jahr 1926 in dieses Viertel verlegt.
Wir folgen dem weiteren Verlauf der Straße, die nun „rue Boecklin“ heißt. Bald sieht man auf der rechten Seite den Eingang zum alten Dorffriedhof. Wer sich die Zeit nimmt, kann dort das Grab einer gewissen Comtesse de Pourtalès finden, deren Schloss wir gleich besuchen werden. Nicht weit entfernt befindet sich der Grabstein von Karl Trübner, einem Straßburger Verleger aus der Zeit der Jahrhundertwende. Sein Stammhaus befand sich direkt gegenüber vom Münster, im Haus Nr. 9. Seiner Vermittlertätigkeit ist es zu verdanken, dass die berühmte Manessische Liederhandschrift, die prächtigste Sammlung deutscher Minnesänger, 1888 im Tausch gegen 23 aus der Bibliothek Tours gestohlene karolingische Handschriften aus Frankreich nach Deutschland zurückgelangte.
Auch der Straßburger Germanist und expressionistische Lyriker Ernst Stadler liegt auf diesem Friedhof begraben. Seine Habilitationsschrift ist übrigens von Trübner verlegt worden. Stadler analysierte darin die Shakepeare-Übersetzungen Wielands, was ihm einen Ruf an die Universität von Toronto einbrachte. Kurz vor der Ausreise wurde er jedoch zum deutschen Militär einberufen. Wenige Monate später fiel er auf einem der furchtbaren Schlachtfelder in Flandern. Die Beisetzungsfeierlichkeiten fanden in der protestantischen Dorfkirche der Robertsau statt („Eglise protestante de la Robertsau“). Wir stoßen nach wenigen Minuten auf sie, wenn wir der „rue Boecklin“ weiter stadtauswärts folgen.
Gleich hinter der Kirche gabelt sich die Straße. Wir folgen von nun an der Beschilderung Richtung „parc de Pourtalès“ und biegen daher nach rechts in die verschlungene „rue Mélanie“ ein. Nach einigen Kurven taucht auf der rechten Seite ein weitläufiges Grundstück auf, in dem sich verschiedene Sozialeinrichtungen befinden. Eine davon ist das Kinderheim „Crèche Lovisa“, dessen Bau aus dem Jahr 1880 von der Straße aus zu sehen ist. Nicht immer waren dort Kinder untergebracht. 1933 diente es als inoffizielles Auffanglager für Flüchtlinge aus Deutschland, das der kommunistische Bürgermeister Charles Hueber eingerichtet hat. Einer von ihnen war Hans Mayer, der sich in seiner Autobiographie Ein Deutscher auf Widerruf an dieses Versteck erinnert hat.
Wir folgen weiter der „rue Mélanie“, überqueren einen Kreisverkehr und befinden uns bald im Grünen. Auf der rechten Seite taucht ein Parkplatz auf, wo die Autofahrer ihren Wagen abstellen müssen. Der Weg führt weiter durch einen wunderschönen Park, in dessen Mitte das Schloss Pourtalès liegt. Vor einigen Monaten erlangte dieser Ort traurige Berühmtheit, als bei einem Freiluftkonzert ein Sturm losbrach und ein umstürzender Baum zahlreiche Menschen unter sich begrub. Einst gehörte das Schloss den Pourtalès, einem französischen Adelsgeschlecht, das sich im 18. Jahrhundert hier niederließ. Einer der berühmtesten Vertreter dieser Familie ist Baptiste Pourtalès, ein General des „Sonnenkönigs“ Louis XIV. In seinem Roman Pourtalès Abenteuer hat Kasimir Edschmid ihm ein literarisches Denkmal gesetzt.
Eine der Nachfahren des Generals war Comtesse Mélanie de Pourtalès, deren Grab wir bereits auf den Robertsauer Friedhof besucht haben. Schon zu Lebzeiten war sie ein Mythos. Vor 1870 gehörte sie zur „feinen Gesellschaft“ des französischen Kaiserreichs. Mit der Kaiserin Eugénie war sie sogar befreundet. Nachdem das Elsass deutsch geworden war, blieb sie trotzig im Land. Ihre Soiréen, auf denen ausschließlich Französisch gesprochen wurde, waren „das“ gesellschaftliche Ereignis im damaligen Straßburg. Albert Schweitzer, der zu jener Zeit als Prediger an der Straßburger Nikolauskirche tätig war, berichtet, wie er dort einmal der Fürstin Metternich begegnet sei. Und Robert Redslob, der spätere Dekan der Straßburger Universität, erzählt, dass sogar der Statthalter des deutschen Kaisers der „grande dame“ in ihrem „Zauberschloss“ seine Aufwartung gemacht habe.
Bei schönem Wetter kann man vom Schloss aus einen Wander- oder Radausflug in den Wald „Fôret de la Robertsau“ machen, eine der wenigen erhaltenen Riedlandschaften entlang des Rheins. Bereits Goethe und seine Freunde haben sich hier aufgehalten. Heute erschließen verschiedene Lehrpfade das Gebiet. Wer will, kann durch den Wald bis in das Dorf Wantzenau radeln. Autofahrer dagegen müssen ins Zentrum der Robertsau bis zur Kirche zurückfahren. Dort geht es nach rechts über die „rue Boecklin“ weiter stadtauswärts. Bald schon heißt sie „route de la Wantzenau“ oder D 223. Sie führt uns geradewegs zum Ziel.
Die Wantzenau gilt Feinschmeckern als eines der letzten Rückzugsgebiete der feinen Straßburger Küche, wo man an die Goethe-Verse denken mag: „Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort, Ich kost´ und ich schmecke beim Essen“. Wer dort angekommen ist, sollte diese literarische Routenbeschreibung schleunigst durch einen kulinarischen Führer ergänzen. Mit vollem Magen geht es weiter über die D 468 in das etwa 30 Kilometer entfernte Sessenheim, ein kleines Dorf, das durch Goethes „Sesenheimer Gedichte“ in die Literaturgeschichte eingegangen ist.
Sessenheim lebt heute ganz vom Goethe-Kult. Dem deutschen Dichter sind ein Goethe-Denkmal, eine Goethe-Scheune, ein Goethe-Weg, ein Goethe-Hügel und ein kleines Goethe-Museum gewidmet, das im Hinterzimmer eines hübschen Gasthofs untergebracht ist. Dabei war Goethes Aufenthalt in Sessenheim alles andere als literarisch motiviert. Hier lebte nämlich Friederike Brion, Tochter des Dorfpfarrers, dessen Grabstein links vom Eingang der alten Dorfkirche noch heute zu sehen ist. Der alte Brion war ein Protestant alten Schlages, ein Moralist ohne viel Sinn für die schönen Dinge des Lebens. Nicht ein einziges literarisches Buch hat in seiner Bibliothek gestanden. Und ausgerechnet ein „Schöngeist“ und „Schönling“ dazu, der Student Goethe aus Straßburg war es, der seiner Tochter den Hof zu machen begann, noch dazu mit einigem Erfolg, wie es schien. Allerdings war es nicht der Vater, sondern der Verehrer selbst, der die Beziehung nach nur wenigen Monaten wieder beendete.
Der ungarische Komponist Franz alias Férenz Léhar hat aus dieser Liebesgeschichte eine allerdings recht schwülstig geratene Operette gemacht: „Friederike“. Dabei stützte er sich zum einen auf die „Sesenheimer Gedichte“ Goethes, zum anderen auf den Bericht in Dichtung und Wahrheit. Vierzig Jahre nach seiner Begegnung mit Friederike hat der bereits alte Goethe in dieser Autobiographie seinen persönlichen „Liebesroman“ nacherzählt. Bis heute zieht er Leser und Liebende gleichermaßen in seinen Bann.
Wer darin die Beschreibung Friederikes liest, den wundert nicht, dass Goethe nicht der einzige Verehrer von Friederike blieb. Ausgerechnet sein damals bester Freund verliebte sich ebenfalls in das Mädchen: der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz. Selbst ein Pfarrerskind, verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Gesellschafter der Offiziere von Kleist, die sich in der Kaserne von Fort Louis aufhielten, nur wenige Kilometer von Sessenheim entfernt. Doch dem schüchternen und wohl auch etwas tolpatschigen Lenz war nicht der Erfolg Goethes vergönnt. Seine Verzweiflung darüber schrieb er sich in einigen Gedichten von der Seele, die sich durchaus mit denen Goethes messen können.
Auf dem Rückweg nach Straßburg lohnt es sich, kurz vor Herrlisheim nach links in die D 29 nach Bischwiller abzubiegen. In dem kleinen Städtchen haben gleich zwei Schriftsteller ihr Wurzeln: der französische Romancier André Maurois, dessen Familie aus Bischwiller stammt, und der jüdische Erzähler Claude Vigée, der hier seine Kindheit verbracht hat. In seiner Autobiographie Un pannier de houblon (ein Korb Hopfen) hat Vigée buchstäblich jedes Haus, jede Straße seines Heimatortes literarisch durchleuchtet, die damit verbundenen Geschichten gesammelt und so vor dem Vergessen bewahrt. Die vorbildliche deutsche Übersetzung ist erst kürzlich unter dem Namen Bischweiler erschienen.
Wir verlassen den Ort über die D 37 und folgen der Straße bis nach Reichstett. Ca. 100 Meter nach dem Ortsausgang weist ein Schild nach links auf das von Bäumen verdeckte Fort Rapp-Moltke hin. Während des deutschen Kaiserreichs wurden Straßburg und Kehl durch 14 martialische Forts befestigt, von denen nur noch Reste erhalten sind. Allein das Fort Moltke, das nach 1918 nach dem französischen General Rapp benannt wurde, wurde freigelegt und restauriert. Einer der Baumeister dieser Forts war übrigens der Vater des Schriftstellers Oscar Jerschke, der vor dem ersten Weltkrieg am Landgericht von Elsass-Lothringen als Anwalt tätig war, dem heutigen „Palais de la Justice“ von Straßburg.
Vom Fort Rapp-Moltke folgen wir der D 37 weiter Richtung Straßburg. Schon bald stoßen wir auf den „Canal de la Marne au Rhin“, an dessen Ufer ein Radweg angelegt worden ist. Für die Radfahrer führt der weitere Weg zurück zum Europarat ab hier am Wasser entlang. Die Autofahrer müssen der „route de Bischwiller“ folgen. Zum Trost gibt es ein paar hübsche Fachwerkhäuser und romantische Dorfkirchen zu sehen. Ab dem „place Hagenau“ am westlichen Stadtrand von Straßburg folgt man der Beschilderung Richtung Offenburg/Kehl. Über die „avenue des Vosges“ geht es zurück ins Zentrum, wo man den Tag in einer gemütlichen Winstub bei einem kühlen Riesling ausklingen zu lassen. Dabei mag der eine oder die andere jenes „gesellige Lied“ von Goethe vor sich her summen:
„Viele Gäste wünsch´ich heut
Mir zu meinem Tisch!
Speisen sind genug bereit
Vögel, Wild und Fische. (...)
Dichter lud ich auch herbei,
Unsre Lust zu mehren,
Die weit lieber ein fremdes Lied
Als ihr eignes hören.
|