Zwischen Rhein und Schwarzwald – ein literarischer Streifzug duch die Ortenau Die Exkursion führt uns auf die deutsche Seite ins sogenannte Hanauerland. Der Name verwirrt viele. Hanau? Das liegt doch bei Frankfurt! Völlig richtig. Aber den Grafen von eben jenem Hanau was dieses Stück Oberrhein im 15. Jahrhundert durch Heirat zugefallen. Erst seit 1803/04 gehört es zu Baden.
Wer von Straßburg aus Richtung Deutschland fährt, kommt zuerst nach Kehl. Von dort geht es in gerader Linie auf der „Straßburger Straße“ Richtung Schwarzwald. Nach etwa 10 Kilometern geht es rechts zu dem Dorf Willstätt, das angeblich nach dem Alemannenherzog Willehar benannt ist und im siebzehnten Jahrhundert Sitz des Hanauer „Amtmanns“ war. Zwei berühmte Autoren des Frühbarocks haben hier das Licht der Welt erblickt: Johann Michael Moscherosch und sein jüngerer Bruder Quirin. Ihr Geburtshaus dürfte an einem der Kinzig-Arme gestanden haben. Heute erinnert an sie ein Denkmal und eine Stube im Gasthof „Adler“.
Auch während seiner Studienzeit am Straßburger „Gymasium illustre“ hielt sich Moscherosch regelmäßig in Willstädt auf und wurde dabei häufig auch von seinen Lehrern Brülow und Crusius begleitet. Später wurde er mit seinen pädagogischen und satirischen Schriften eine der bekanntesten Persönlichkeiten des literarischen Barock. Sein Bruder Quirin nahm 1655 eine Pfarrstelle in dem kleinen Dorf Bodenweiler an, das heute zu Kehl gehört. Dort verfasste er für seinen Herrn, den Fürsten von Hanau-Lichtenberg einige Huldigungsgedichte. Umgekehrt hat der im benachbarten Oberkirch lebende Schriftsteller Grimmelshausen seinem „wehrten H. Nachbarn“ ein Huldigungsgedicht gewidmet.
Von Willstätt geht es weiter auf der B 28 über die Rheintalautobahn A 5 bis Oberkirch. Das kleine Städtchen am Fuße des Schwarzwaldes ist berühmt wegen seiner Schnappsbrennereien. Gelegenheit zu probieren gibt es überall. Darüber hinaus ist Oberkirch aber auch ein in literarischer Hinsicht hochinteressanter Ort. Im Ortsteil Gaisbach hat sich der deutsche Barockschriftsteller Grimmelshausen nach dem Rastatter Frieden von 1648 niedergelassen und ist 20 Jahre geblieben. Zunächst arbeitete er als Verwalter für Reinhard von Schauenburg. Die Ruine seiner Burg, hoch über der Stadt, kann besichtigt werden, und natürlich fehlt auch die obligatorische „Burgschenke“ nicht. Später betrieb Grimmelhausen den Gasthof „Zum silbernen Stern“ in Gaisbach. Der Gasthof existiert auch heute noch.
Während seiner Zeit in Oberkirch schrieb Grimmelshausen seinen Simplizissimus (1668), den wohl bedeutendsten Roman des deutschen Barock. Daneben entstanden eine Reihe weiterer Werke, zum Beispiel die Courasche (1670), die Berthold Brecht zu seinem Stück Mutter Courage inspirierte. Im Stadtmuseum von Oberkirch (Hauptstraße 32) sind einige Räume dem Dichter gewidmet. Etliche wertvolle Erstdrucke und Dokumente aus Grimmelshausens Leben werden hier ausgestellt. Bei Voranmeldungen werden auch Führungen veranstaltet.
Von Oberkirch geht es weiter ins Renchtal und damit in den Schwarzwald hinein. Für Radler wid es ab hier etwas anstrengend, denn die Straße führt steil nach oben. An einigen Burgruinen vorbei fahren wir bis Oppenau und folgen dort nach links der Beschilderung Richtung Allerheiligen. Beim Schild „Wasserfälle von Allerheiligen“ stellen wir das Auto (oder Fahrrad) auf dem Parkplatz ab und folgen der Beschilderung bergauf. Der Weg führt uns in eine wildromantische Schlucht, die bereits im neunzehnten Jahrhundert touristisch entdeckt wurde. Der Straßburger Gustave Doré hat sich in einer seiner Zeitungen über die „Sommerfrischler“ aus der Großstadt lustig gemacht.
Von den Wasserfällen aus kann man zu Fuß bis zu der Ruine des Klosters Allerheiligen wandern. Oder man fährt mit dem Auto, bis links ein Schild auf die Abzweigung hinweist. Von dem Kloster, das zum Bistum Straßburg gehörte, sind heute nur noch wenige, dafür sehr pittoreske Ruinen übrig. Gegenüber lädt ein Gasthof zur Einkehr ein.
Die Bibliothek des Klosters dürfte ein maßgebliches „Bildungsreservoir“ für Grimmelshausen dargestellt haben. Zu ihrem Bestand gehörten wertvolle Frühdrucke aus dem 16. Jahrhundert. Als das Kloster 1803 aufgelöst wurde, ging ein Teil der Bücher verloren, andere landeten teils auf Umwegen in verschiedenen badischen Bibliotheken. Der größte Teil befindet sich heute in Karlsruhe.
© Dr. Stefan Woltersdorff
|