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Nordelsass-Führer von Stefan Woltersdorff:



Von Büchermachern und Bücherverbrennern – ein literarischer Streifzug durch Kehl am Rhein

Johann Heinrich Campe nannte die Stadt einen „höchst unbedeutenden Ort“, Ernest Heming-way fand sie „klein und häßlich“, Ernst Glaeser einfach nur „lächerlich“. Den Vogel schoss René Schickele ab, der sie einen „alten Spucknapf“ nannte. Die Rede ist von Kehl am Rhein, der Nachbarstadt Straßburgs. Die meisten Besucher der elsässischen Hauptstadt lassen die so gescholtene „links liegen“, zu Unrecht. Die kleine Stadt am deutschen Rheinufer ist ein ge-schichtlich hochinteressanter Ort. Und auch was die Literatur anbetrifft, ist Kehl wahrlich kein „unbeschriebenes Blatt“. Freilich: Literarische Liebeserklärungen sucht man vergeblich. Um-so mehr erstaunt, wie viele prominente Autorinnen und Autoren sich über die Stadt geäußert, sich an ihr gerieben und gestoßen haben.

Lassen wir uns also auf literarischer Spurensuche durch Kehl treiben. Wir beginnen unsere „Flanerie“ an der Europabrücke, einem schlichten Betonbau von hohem Symbolwert. Er ver-bindet Kehl mit Straßburg, das deutsche mit dem französischen Ufer. Seit 1999 ist die Brücke auch ein literarisches Denkmal. Eine Reihe von Schautafeln mit Texten in allen Sprachen Eu-ropas sollen der grauen Brücke mehr Farbe verleihen und ihre Funktion als völkerverbinden-des Band unterstreichen.

Die Europabrücke hatte verschiedene Vorgänger, die immer wieder zerstört wurden. Bis 1897 gab es nur eine hölzerne Schiffsbrücke, die Otto Flake in seinem Roman Freitagskind (1913) beschrieben hat. Vor der Begradigung des Rheins führte sie über verschiedene Rheininseln, die heute vrschwunden sind. Auf einer davon wurde im 18. Jahrhundert ein merkwürdiger Bau aus Holz errichtet. An dieser Stelle sollte Marie Antoinette, die Erzherzogin von Öster-reich und künftige Königin Frankreichs französischen Boden betreten. Stefan Zweig, hat das Gebilde in seiner Roman-Biographie Marie Antoinette genau beschrieben. „Normal Sterbli-chen“ war der Zutritt natürlich untersagt – es sei denn, man half mit ein paar Münzen nach. Zu denen, die auf diese Weise gleich mehrmals Eintritt erlangten, gehörte der junge Goethe, der sich just zu diesem Zeitpunkt als Student in Straßburg aufhielt. Die Einrichtung fand er aller-dings schlichtweg „schrecklich“ und „missrathen“.

Am deutschen Ufer steht das etwas schäbige Zollhäuschen. Die Zollschranken hat Wolfgang Koeppen bei seinem Kehl-Besuch Ende der fünfziger Jahre als „alte Zöpfe“ beschimpft. Heu-te wäre er wohl zufriedener, wenn er über die nunmehr offene Rhein-Grenze fahren könnte. Doch nicht immer war die Grenze ein Ärgernis. Ludwig Börne etwa, wegen seiner jüdischen Abstammung aus dem Staatsdienst entlassen, erschien die Grenze bei Kehl wie ein „Regen-bogen“, der ein besseres Leben in Frankreich versprach: „Nur Tränen konnten meine gepress-te Brust erleichtern“, schrieb er damals, tief berührt.

Nicht anders ging es Heinrich Heine, der im gleichen Jahr 1831 die Rheingrenze überschritt. Voller Vorfreude auf Frankreich, will er gehört haben, wie Vater Rhein unten im Wasser die französische Grammatik büffelte: „j´aime, tu aimes, il aime, nous aimons...“. In Paris be-freundete sich Heine mit Gérard de Nerval. So wie Heine Frankreich liebte, verehrte Nerval Deutschland, das er „unser aller Mutter“ nannte. Umso enttäuschter war er, als er bei einem Kehl-Besuch im Jahr 1838 eine „durch und durch französische Stadt“ vorfand und zum Schluss kam: „Um eine deutsche Stadt zu sehen, müssen wir nach Straßburg zurückkehren“.

Nur wenige Schritte vom Zollgebäude entfernt, dort, wo die Hauptstraße von der Straßburger Straße abzweigt, stoßen wir auf ein merkwürdiges Denkmal: einen Haufen aufgeschichteter Steinquader. Eine Tafel belehrt uns, dass es sich dabei um die letzten Reste der „Veste Kehl“ handelt. Vauban, der Festungsbaumeister des französischen Königs Louis XIV. hatte sie im 17. Jahrhundert errichten lassen. Wer sich eine Vorstellung davon machen will, dem sei ein Besuch im „parc de la Citadelle“ von Straßburg empfohlen. Dort sind die Reste der Straßburger Zitadelle zu sehen, die zur gleichen Zeit und vom gleichen Architekten erbaut worden ist wie ihr Kehler Pendant.

1780 zogen in die „Veste Kehl“ zivile Mieter ein. Ausländer waren es, schlimmer noch: Franzosen. Die Kehler waren mißtrauisch, zumal ihr Straßburger Bischof sie in einem Hirtenbrief vor diesen Leuten gewarnt hatte. Was wollte dieses Volk hier in Kehl? Nun, es waren etwa 200 Arbeiter einer Druckerei, die sich mit ihren Ehepartnern und Kindern hier einrichteten, eine große „Drucker-WG“ sozusagen. Ihr Brötchengeber war die „Société littéraire et ty-pographique“, die niemand geringerem gehörte als dem französischen Schriftsteller Beaumarchais. Es war ein Unternehmen mit weitverzweigten Handelsbeziehungen: Das Papier kam aus den Vogesen und aus Holland, die Drucklettern aus Großbritannien. Wie man sieht, ist die so genannte „Globalisierung“ gar kein so neues Phänomen.

Kehls „Französische Druckerei“, wie sie schon bald genannt wurde, entwickelte sich zu einem Musterbetrieb, der zahlreiche prominente Besucher anzog, unter ihnen der Jugendschriftsteller Johann Heinrich Campe. In seinem Bericht spart er nicht mit Superlativen: „Etwas Prächtigeres und Vollendeteres ist (...) in dieser Art wohl noch nie gesehen worden. Pergament so weiß wie Schnee, Buchstaben, so scharf und zierlich, als wären sie in Kupfer gestochen, und eine Druckerschwärze, gegen welche die andere beste Schwärze nur grau zu seyn scheint!“

Zwei Produkte der „Französischen Druckerei“ erregten besonderes Aufsehen: die gesammelten Werke der in Frankreich damals teilweise verbotenen Aufklärer Rousseau und Voltaire. Die Rousseau-Ausgabe umfaßte 32 Bände, die der Werke Voltaires sogar 72! In große Ballen verpackt, wurden die Bücher über den Rhein gebracht. Allein 1786 verzeichneten die Grenzer 45 Tonnen Papier, das in nur sechs Wochen die Brücke passierte. Und dies war erst der Auftakt zu einer der frechsten Schmuggelaktionen der Literaturgeschichte. Heute erinnert nichts mehr an diese „goldenen Jahre“ Kehls, kein Denkmal, kein Straßenname. Allein 1945-53 gab es im damals französisch verwalteten Kehl eine „rue Beaumarchais“. Heute heißt sie wieder „Schulstraße“.

Die „Französische Druckerei“ zog noch einen anderen Unternehmer nach Kehl: den deutschen Verleger Johann Gottlieb Müller. Ab 1782 betrieb er hier eine „Deutsche Druckerei“, die mit ihren 20 Mitarbeitern Beaumarchais allerdings keine Konkurrenz machen konnte und wohl auch nicht wollte. Müller druckte nämlich ausschließlich deutsche Bücher. Zum Beispiel Das wundertätige Kruzifix des Publizisten und Frauenhelden Christian Schubart, der damals wegen seines Eintretens für eine freiere Gesellschaft in der Festung „Hohenasperg“ eingekerkert war. Es folgte eine deutsche Übersetzung von Beaumarchais´ Die Hochzeit des Figaro (1785), sozusagen eine „Hommage“ an den französischen Kollegen in Kehl.

Wahrscheinlich ist bei Müller auch die Farce Götter, Helden und Wieland gedruckt worden, deren Autor niemand geringerer als Goethe gewesen ist. 1773 hatte er den Text an seinen „Noch-Freund“ Lenz in Straßburg geschickt. Im Jahr darauf ließ dieser ihn in Kehl drucken. Darin verspottete Goethe seinen Kollegen Martin Wieland, der bald darauf in Weimar sein Nachbar werden sollte. Wieland verhielt sich übrigens hervorragend, er empfahl sogar die Lektüre, was Goethe nicht wenig beschämte. Später, als Wieland bereits sein Freund geworden war, versuchte sich Goethe damit herauszureden, er habe die Veröffentlichung eigentlich ja gar nicht gewollt. Die ganze Verantwortung lastete er stattdessen dem armen Lenz an, dem er vorwarf, ihn „beim Publikum in üblen Ruf zu setzen“.

Schlendert man der Hauptstraße entlang, so verwandelt sie sich nach wenigen Metern in eine Fußgängerzone. Alte Häuser gibt es hier nur wenige zu sehen, und das hat seinen Grund: Während der Revolutionskriege wurde Kehl mehrmals so gründlich zerstört, dass buchstäblich kein Stein auf dem andern blieb. An zwei dieser Schlachten erinnert sich Julien Sorel, der bei einem Kehl-Besuch seinen Liebeskummer vergessen möchte. Er ist der etwas zweifelhafte „Held“ des Romans Le rouge et le noir (rot und schwarz), den der französische Romancier Stendhal 1830 veröffentlicht hat.

Im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 hatte Kehl erneut Pech. Es war die einzige deutsche Stadt, die von der französischen Artillerie zerstört wurde, dafür aber gründlich. Nach dem Ersten Weltkrieg war Kehl mehrere Jahre lang französisch besetzt. Zu Kehls literarischen Besuchern jener Zeit gehörte der Elsässer René Schickele und der Amerikaner Ernest Hemingway. Schickele bedauerte die häufig aus Nordafrika stammenden französischen „Solda-ten in Horizontblau“, die hier ihren Dienst tun mussten. Hemingway dagegen bemitleidete die Kehler, die unter der Wirtschaftskrise litten und sich häufig nicht einmal einen Apfel leisten konnten.

Wir folgen der Hauptstraße weiter bis zum Marktplatz. Der Schriftsteller Ernst Glaeser (1902-63) scheint bis hierher nie vorgedrungen zu sein, sonst hätte er wohl kaum in seinem Roman Das Gut im Elsaß von 1932 Kehl eine „Stadt ohne Zentrum“ genannt. Und ein Zentrum war der Marktplatz tatsächlich. Hier stand das Rathaus und die Schulgebäude, die Kirche und – gleich um die Ecke – die Synagoge. Heute steht von allen diesen Gebäuden allerdings nur noch die Kirche. Am Marktplatz hat auch die „Kehler Zeitung“ ihren Sitz. Im 19. Jahrhundert hätte sie beinahe prominente Konkurrenz aus Paris bekommen. Heinrich Heine plante näm-lich, eine französische Zeitung in deutscher Sprache und für deutsche Leser herauszugeben, die er (Deutsche) Pariser Zeitung nennen wollte. Sie sollte in Paris geschrieben und in Kehl gedruckt werden. Doch leider wurde daraus nichts.

Und die Literatur? Sie hatte nur einmal einen „großen“ Auftritt auf dem Marktplatz, der allerdings vor allem eine große Peinlichkeit war. Nach der Berliner „Großveranstaltung“ vom 10. Mai 1933 wollten nämlich auch die Kehler Nazis „ihre“ Bücherverbrennung haben. Sechs Wochen später war es „endlich“ so weit. Ein großer Scheiterhaufen war errichtet worden, Hakenkreuze „zierten“ den Ort der Handlung. Bei strömenden Regen zog die Kehler Jugend her-an, Knirpse im Alter von 6 bis 8 Jahren. Ein Herr Dr. Bauer sprach von der „Erhaltung der deutschen Jugend und des deutschen Geistes“ und forderte die Versammelten auf, „Bücher von undeutschem Geist der Flamme zu überantworten“.

Viele der verbrannten Dichter kann man heute in der Kehler Stadtbibliothek ausleihen. Außerdem werden dort jedes Jahr die „Kehler Literaturtage“ veranstaltet, zu denen prominente Autoren eingeladen werden. Man erreicht die Bibliothek, wenn man vom Marktplatz aus über die Blumenstraße zur Marktstraße geht. Dahinter verläuft der Altrhein, ein ehemaliger Seiten-arm des Rheins, den René Schickele als „Dschungel“ und „Urwald“ beschrieben hat. Heute vergnügen sich Enten und Tretbootfahrer auf dem stehenden Gewässer.

Das Wohnviertel auf der anderen Seite des Altrheins heißt „Insel“. Bis zur Rheinbegradigung war es tatsächlich eine Rheininsel. Seine Straßen sind nach Gestalten aus dem Nibelungenlied benannt. Das Ehepaar Siegfried und Kriemhild darf sich – nette Idee – einen Straßenzug tei-len. So richtig literarisch ging es auf der „Insel“ jedoch erst in den Jahren 1945-53 zu, als Kehl wieder mal französisch war. Die Germanen mussten damals gallischen Klassikern wei-chen: Ronsard und Rabelais, Racine und Molière, Descartes und La Fontaine las man nun auf den Schildern. Sie alle hatten mit Kehl natürlich nicht mehr zu tun als die Nibelungen.

Wir gehen nun zurück zur Bibliothek und biegen die erste Straße rechts in die Jahnstraße ein. Auf der linken Seite sieht man die „Stadthalle“, eine große Mehrzweckhalle für kulturelle Veranstaltungen aller Art. Sie ersetzte nach dem Zweiten Weltkrieg die alte Stadthalle auf der rechten Seite, von der nichts mehr zu sehen ist. In dieser ersten Stadthalle wurde 1933 die „Deutsche Bühne“ eingerichtet, die nach dem Wunsch von Goebbels dem deutschen Emigran-tentheater Konkurrenz machen sollte, das der nach Frankreich geflüchtete deutsche Schrift-steller Joachim Maass in Straßburg gegründet hatte.

Da Kehl über keine eigene Truppe verfügte, sollte die Bühne von der aus Karlsruhe und Ba-den-Baden bespielt werden. Den Anfang machten die Karlsruher mit einer Inszenierung der Hermannsschlacht, dem sicher nicht besten, dafür aber sehr patriotischen Stück des deutschen „Klassikers“ Heinrich von Kleist. Eigentlich wurde er von den Nazis ja nicht sonderlich ge-schätzt. Aber die Hermannsschlacht ließ sich eben propagandistisch ausbeuten. Schon Kleist hatte den Kampf zwischen Römern und Germanen auf den Konflikt zwischen Frankreich und Preußen bezogen. An der deutsch-französischen Grenze des Jahres 1933/34 bekam diese Bot-schaft eine neue Aktualität: Unverhohlen wurde dem Nachbarn mit einem Revanche-Krieg gedroht, zu dem es wenige Jahre später ja auch kam.

Zum Abschluss dieses literarischen Spaziergangs durch Kehl kann man über die Marktstraße zum Marktplatz zurückkehren und sich in einem der zahlreichen Gasthöfe und Cafés ausru-hen. Wer noch über etwas Energie verfügt, kann auch zur hübschen Rheinpromenade laufen und – vielleicht von einer Parkbank aus – den Blick hinüber nach Straßburg genießen. Dabei lohnt es sich, den Hymnus auf den Rhein zu lesen, den der französische Schriftsteller Victor Hugo bei einem Kehl-Besuch vor über 150 Jahren verfasst hat: „Zum ersten Mal sah ich den Rhein vor einem Jahr in Kehl (...). Er ist ein edler Fluß, feudal, republikanisch, kaiserlich und würdig, deutsch und französisch zugleich zu sein. Die ganze europäische Geschichte, von diesen beiden großen Punkten aus betrachtet, spiegelt sich in diesem Strom der Krieger und der Denker, in dieser herrlichen Welle, die Frankreich aufspringen lässt, und in diesem tiefen Murmeln, das Deutschland zum Träumen bringt. Der Rhein vereinigt alles in sich“.
© Dr. Stefan Woltersdorff


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