Heilige und Sünder – ein literarischer Streifzug Richtung Vogesen
Wir beginnen unseren literarischen Streifzug vor dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Straßburg („musée de l´art moderne et contemporain“). Autofahrer biegen dort auf die „rue de Wasselone“, unterqueren die Eisenbahntrasse und die Autobahn und folgen der „route des Romains“ bis zu der Stelle, wo sie sich gabelt. Hier biegen wir halb links in die „Avenue du Général de Gaulle“ ein, auf der wir bis Breuschwickersheim weiterfahren.
Radler haben auch hier eine schönere Strecke vor sich. Am Museum folgen sie der „rue Marc Bloch“, die in südlicher Richtung an der Ill entlang verläuft. Weiter geht es, immer am Fluss entlang, über den „quai du Brulig“, die „rue van Eyck“ und den „quai de la Flassmatt“, bis zu der Stelle, wo der „Canal de la Bruche“ von der Ill abzweigt. Diesem Kanal folgen wir durch einige Vororte: Eckbolsheim, Wolfisheim und Oberschaeffolsheim und Achenheim. Von dort fahren wir über die D 45 weiter in das Nachbardorf Breuschwickersheim.
Dieses Dorf ist ein typisches Straßendorf mit großen Höfen, reich geschnitzten Einfahrten, geziert mit „Sinnsprüchen“, häufig in deutscher Sprache. Es liegt auf halber Strecke zwischen Straßburg und Mutzig, wo René Schickeles Eltern gewohnt haben. Vermutlich diente es dem Schriftsteller als Vorlage für das Dorf Breuschheim aus seiner Romantrilogie Das Erbe am Rhein.
Von Breuscheim geht es für Rad- und Autofahrer auf der D 45 weiter bis Ergersheim. Dort biegen wir nach links auf die D 30 Richtung Molsheim ab. Das kleine Städtchen hat eine hübsche Altstadt, ein wunderschönes Renaissance-Rathaus (die „Metzig“) und eine alles überragende Kirche im Stil des Frühbarock. Als Straßburg lutherisch geworden war, zogen sich hierher die Jesuiten zurück und machten die Kirche zu ihrem Hauptsitz. Außerdem gründeten sie mit Unterstützung vom deutschen Kaiser in Molsheim eine katholische „Gegenuniversität“ zu der protestantischen von Straßburg. Sie verfügte immerhin über zwei Fakultäten (eine theologische und eine philosophische), die einen sehr guten Ruf hatten. Nachdem Straßburg französisch geworden war, zog die Universität dorthin um. Mit der französischen Revolution wurde sie – ebenso wie ihre protestantische Konkurrentin – aufgelöst.
Ganz in der Nähe von Molsheim, schon am Vogesenhang, liegt der kleine Weinbauernort Mutzig. Hierher zogen sich – wie bereits erwähnt – die Eltern von René Schickele nach der Pensionierung des Vaters zurück, um sich ganz dem Weinbau zu widmen. Doch sie fanden den erwünschten Frieden nicht. In den Berg wurde eine unterirdische „Felsburg“ gegraben, die den stolzen Namen „Wilhelmsfeste“ trug und als die sicherste der Welt gepriesen wurde. Ihr militärischer Nutzen in zwei Weltkriegen war gleich Null. Das hindert allerdings die Militärs nicht daran, sie auch heute noch „einsatzbereit“ zu halten.
Wir fahren zurück nach Molsheim und von dort über die D 500 und D 35 nach Rosheim. Neben seiner wunderschönen romanischen Kirche hat das Städtchen auch eine interessante Geschichte aufzuweisen: Im Mittelalter befand sich hier der Sitz des elsässischen Rabbinats, anders gesagt: Rosheim war die Hauptstadt der elsässischen Juden. Einer von ihnen, Josselman von Rosheim brachte es sogar bis zum „Obersten aller Juden deutscher Nation“. In dieser Funktion nahm er auch an Reichstagen teil und verkehrte mit Kaiser Karl V.
Für die Radfahrer letztes Ziel auf unserer Tour ist Obernai, das nur wenige Kilometer von Rosheim entfernt ist und viele Gelegenheiten zu einer schönen Rast bietet. In dem kleinen, sehr hübschen, aber leider sehr touristisch gewordenen Städtchen am Vogesenrand, haben drei Persönlichkeiten gelebt, die in literarischer Hinsicht interessant sind. Die erste ist eine Frau, die noch dazu heilig gesprochen wurde: Odilie. Etliche Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts haben ihr Verse gewidmet, unter ihnen die Elsässer René Schickele und Louis Edouard Schaeffer (vgl. 3. Spaziergang).
An zweiter Stelle ist der Franziskanermönch Thomas Murner zu erwähnen, ein Meister der Satire, den Kaiser Maximilian zum „poeta laureatus“ gekrönt hat. Mit Jacob Wimpfeling lieferte sich Murner eine Fehde, deren politische Brisanz er wahrscheinlich selbst noch nicht abschätzen konnte: Es ging um die Frage, ob Straßburg den Deutschen oder den Franzosen gehörte. Murner ergriff damals Partei für die Franzosen. Dass ihnen zwei Jahrhunderte später die Stadt tatsächlich zufallen würde, hätte er sich wahrscheinlich nicht träumen lassen.
Der dritte ist René Schickele, der in dem Haus in der „rue de Boersch“ Nr.2, gleich neben der Kirche geboren wurde. Eine Gedenktafel erinnert daran. Sein Vater hatte sich sein Haus brav „erdient“. Nach der Annexion Elsass-Lothringens war der gebürtige Elsässer in die deutsche Polizei eingetreten, wahrlich nicht die Regel im damaligen Elsass. Zur Belohnung machte er dort eine steile Karriere und übernahm nach wenigen Jahren die Stelle des Polizeipräsidenten in Obernai. Im Innern des Hauses dagegen wurde nur Französisch gesprochen. Dort herrschte die Mutter, eine frankophone Elsässerin.
Für Radler und Fußgänger etwas anstrengend, aber durchaus lohnend, ist der Weg hinauf auf den Odilienberg, der Obernai überragt. Für Autofahrer ist die Fahrt natürlich kein Problem – aber dafür auch kein Erlebnis. Wegen seines Wallfahrtsklosters gilt er als der „Heilige Berg“ des Elsass. Darüber hinaus ist er neben der Münsterplattform aber auch ein literarischer „Gipfel“, der von den Deutschen Goethe und Stadler, den Franzosen Claudel und Barrès und den Elsässern Matthis und Schickele „besungen“ worden ist.
Wer mit dem Auto unterwegs ist, kann noch tiefer in die Vogesen hineinfahren, bis in das „vallée de la roche“ (Steintal), das so abgelegen ist, dass dort im 18. Jahrhundert nicht etwa Elsässisch, sondern noch auf die römische Zeit zurückgehende lateinische Dialekte gesprochen wurden. Wie es damals mit der Bildung aussah, schildert der elsässische Schriftsteller Fritz Lienhard in seinem Roman Oberlin aus dem Jahr 1910. Darin berichtet der Straßburger Pfarrer Stuber über seine Ankunft als Seelsorger in dem Dorf Bellefosse:
„Gleich am Tage nach meiner Ankunft in Waldersbach wanderte ich hinauf nach Bellefosse und wollte dort die Schule besuchen. „Nun, Leute, wo habt ihr denn euer Schulhaus?“ Gut, ich trete ein. In einem niedrigen und schmutzigen Zimmer lärmen Kinder durcheinander. Es wird still bei meinem Eintritt. „Kinder, wo habt ihr den Schulmeister?“ – „Dort liegt er!“ Ich trete näher und sehe auf einem ärmlichen Bett ein graues abgezehrtes Männchen liegen. „Seid ihr der Schulmeister, lieber Freund?“ – „Ja, Herr“, ächzt das Mänchen, „der bin ich.“ – „Was lehrt ihr denn die Kinder?“ – „Nichts.“ – „Warum denn nicht?“ – „Weil ich selber nichts weiß.“ – „Wie seid Ihr denn alsdann Schulmeister worden, wenn Ihr selber nichts wisst?“ – „Sehen Sie, lieber Herr, ich bin viele Jahre Schweinehirt gewesen. Weil ich aber vorgerückten Alters halber unfähig worden bin, die Schweine zu hüten, so hat man mir die Kinder anvertraut.“
Lienhard: Oberlin, S.221
Nach einem mehrjährigen Aufenthalt im Steintal wurde Pfarrer Stuber nach Straßburg an die Kirche St. Thomas versetzt. Sein Nachfolger wurde der berühmte Reformpfarrer „Papa Oberlin“, in dessen Haus sich u.a. auch der Dichter Jakob Lenz und Goethes Ex-Freundin Friederike Brion zeitweise aufgehalten haben. Oberlins Kirche und Wohnhaus in dem kleinen Dorf Waldersbach können besichtigt werden. In letzterem befindet sich ein kleines, aber sehr liebevoll eingerichtetes Oberlin-Museum.
© Dr. Stefan Woltersdorff
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